Anfang Januar 2021 durfte ich endlich raus aus dem Corona-Hotspot Deutschland. Für mich ging es ins Auslandssemester nach Finnland. Die skandinavischen Landschaften mit ihren endlosen Wäldern und riesigen Seen hatten mich schon lange begeistert und so nutzte ich die Gelegenheit, sie im Rahmen eines Erasmus-Aufenthaltes endlich hautnah zu erleben. Im südöstlich gelegenen Lappeenranta, wo ich das nächste halbe Jahr verbringen sollte, konnte ich zumindest die See-Sache schonmal abhaken, denn die Stadt liegt direkt an einem der größten Seen Europas, der sowohl im gefrorenen als auch im flüssigen Aggregatszustand beeindruckend aussah. Auch wenn das finnische Semester von Januar bis Mai und das deutsche von März bis Juli geht, so konnte ich durch die Online-Lehre doch die Studiensituation ohne Zeitverlust bewerkstelligen.
Landschaft – Top, Studium – Top, Coronazahlen – niedrig, höchste Zeit für ein Auslandssemester in Finnland!

Ankunft im kalten Norden

ANKUNFT IN LAPPEENRANTA

Nach zweieinhalb Stunden Flug und einer ebenso langen Zugfahrt von Helsinki war ich endlich in Lappeenranta, einer mittelgroßen Stadt im Südosten Finnlands, angekommen. Etwas verloren wartete ich dann in der Kälte auf den Bus und noch viel verlorener fühlte ich mich, als ich realisierte, dass hier in den Bussen nicht die Haltestellen angezeigt werden und ich weder wusste, wo wir gerade lang fahren, noch, wo ich eigentlich aussteigen muss. Zum Glück hatte sich aber der Busfahrer meine Station gemerkt, als ich ihm fragend mein Handy hingehalten hatte, und so komme ich dann letztendlich gut an im Karankokatu-Wohnheim, einem Wohnkomplex, der von der Beschaffenheit ein wenig einem amerikanischen Motel ähnelt, und in dem fast ausschließlich Austauschstudierende leben. Dass das ein Vorteil ist, erlebte ich direkt am ersten Abend, als mich mein Mitbewohner gleich nach meiner Ankunft mit zu einer Hausparty in einem anderen Apartment nahm. Damit hatte sich dann auch meine Sorge, keine anderen Leute kennen zu lernen und allein zu enden, erledigt, und bei Bierpong und anderen Trinkspielen lernte ich andere Studierende aus Deutschland, Frankreich, Russland, den USA und sogar Indien kennen. Da hier jeder in der Situation ist, allein gekommen zu sein, um andere Leute kennen zu lernen ist man hier wirklich nie allein und es entwickeln sich schnell enge Freundschaften.

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Schön

ABER KALT HIER

Ich wohnte mit einem US-Amerikaner in einem kleinen aber recht neuen Apartment und erkundete dann in den nächsten Tagen mit einigen anderen Erasmus-Studierenden die Gegend. Es war Winter in Finnland und das bedeutete Temperaturen bis zu -25°C und riesige Schneemengen. Auch die Tage waren recht kurz, die Sonne ging bereits kurz nach 15 Uhr unter, jedoch wurden sie nach meiner Ankunft bereits immer länger sodass ich nicht unter zu wenig Sonnenlicht litt – ein Pluspunkt für das Sommersemester in Finnland.
Nur fünf Minuten Fußweg vom Wohnheim liegt der Saimaa-See, der viertgrößte See Europas. In den ersten Tagen ging ich oft mit anderen Studenten hinunter, um ihn ein bisschen zu erkunden. Der war bereits mit einer dicken Eisschicht bedeckt und einige Wochen später konnte man ihn dann sogar komplett zu Fuß überqueren. Die Gegend um den See ist wunderschön, was gut ist, denn die Stadt Lappeenranta ist eher so lala. Als ich sie zwei Tage später besichtigte, lief ich schnell durchs Zentrum durch. Jedoch sind die Hafengegend und der Festungshügel mit seinen alten finnischen Häusern echte Hingucker. Diese sind in der Dunkelheit schön beleuchtet und der See sorgt dann für die übrige Idylle.

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Erste

ALLTAGSEINDRÜCKE

Auch der erste Einkauf war ein echtes Erlebnis. Die Lebenserhaltungskosten sind in Finnland etwas höher als in Deutschland, weshalb man mit höheren Preisen rechnen muss. Trotzdem bekam ich in der Bierabteilung zunächst einen Schock, für 24 0,33l-Dosen zahlt man hier mindestens 25 bis 30€. Das Bier ist dann aber nicht so schlecht wie manche vielleicht erwarten würden. Hochprozentigere alkoholische Getränke werden in Finnland übrigens nicht in Supermärkten, sondern in speziellen, von der Regierung betriebenen Läden verkauft, und sind auch teurer als in Deutschland.

Natürlich ging auch das Studium dann zeitig los. Zwar fanden alle Kurse online statt, die Universität war jedoch im Gegensatz zu Deutschland noch geöffnet und man konnte dort lernen und in der Mensa essen. Oft lief ich mit anderen den Weg zur Universität, der wunderschön am See entlang ging. Man erhält dort am Anfang eine Essenskarte, mit der man dann das Mensaessen zu Studentenpreisen bekommt. Die Online-Kurse waren jedoch eher durchwachsen. Da die englischsprachigen Kurse hier meist für Austauschstudierende konzipiert sind, ist das Englisch-Level normal, jedoch machten sich die meisten Lehrenden nicht ganz so viel Mühe, die Online-Lehre abwechslungsreich zu gestalten, was an der FHWS meiner Meinung nach besser ist. Auch gibt es hier bei vielen Kursen keine Klausur am Ende, sondern mehrere Abgaben und Arbeiten während des Semesters, die dann am Ende die Note ausmachen. Generell ist der Schwierigkeitsgrad – zumindest bei den Kursen, die ich besucht hatte – jedoch nicht so hoch wie man es bei dem vielgelobten finnischen Bildungssystem erwarten würde.

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Erste

TRIPS

Da am Anfang der Unistress noch überschaubar war konnte ich mit anderen Austauschstudierenden auch einige Trips unternehmen. Mein Mitbewohner hatte zum Glück ein Auto und so unternahmen wir einige Skitrips, direkt zu Beginn. In der Nähe von Lappeenranta ist ein kleines, aber dafür günstiges Skigebiet, dass sich besonders für Anfänger*innen, wie mich, eignete und in dem ich während meines Auslandsaufenthaltes mehrmals Ski fahren war. Auch einen viertägigen Skitrip in ein etwas weiter entferntes und größeres Skigebiet unternahmen wir zu viert direkt zu Beginn. Hier beeindruckte mich so manche finnische Straße, die ohne Winterdienst voll bedeckt von Schnee und Eis durch tiefste Wälder führte und eine normale, viel befahrene Straße war. Auch legen die Finn*innen viel Wert auf die Einhaltung ihrer Geschwindigkeitsbegrenzungen und haben dabei das ganze Land mit Blitzern zugebaut, so scheint es zumindest.
Nun war ich jedenfalls gut in Finnland angekommen, hatte schon viele Freund*innen gefunden, und war sehr gespannt auf alles was noch kommen sollte, und das sollte zunächst einmal Corona sein.

Text: Jonas Bilder: private Aufnahmen

Studium und Trips

FEIERN UND SAUNIEREN

Nach dem anfänglichen Kennenlernen wurde es dann im Februar erst richtig kalt. Wir unternahmen viele Wanderungen über den komplett zugefrorenen und wunderschönen See. Da Corona auch noch nicht stark in Finnland angekommen war, gab es auch wöchentlich mindestens drei Hauspartys. Die fanden zum Glück nur selten bei uns statt, weil es danach immer ewig dauerte, dass Apartment wieder sauber zu machen, mit Kater noch viel länger. Auch die Bars hatten noch offen – wenn auch nur bis 23 Uhr – und wir gingen so oft wie möglich ins „Totem“ oder ins „Las Palmas“. Ganz witzig ist, dass die Finn*innen Karaoke LIEBEN. Das heißt, in jeder Bar ist eine Bühne mit einer Karaokemaschine und alle zehn Minuten singt eine Austauschstudierende ABBA oder ein betrunkener Finne grölt AC/DC.
Neben dem Feiern konnte man auch sehr günstig der finnischen Tradition des Saunierens nachgehen, weil jedes Wohnheim in Lappeenranta eine eigene Sauna hatte – ein absolutes Muss für Austauschstudierende. Wir sind da am Anfang immer dreimal pro Woche mit einer ganzen Gruppe hineingegangen und haben uns nach jedem Saunagang in den Schnee gelegt. Danach schläft man wirklich besser.

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…nebenbei

AUCH STUDIEREN…

Neben dem ganzen Spaß muss man ja dann auch noch studieren, und das lief wie gesagt alles online ab. Da es leider keine Medienkurse an der LAB University of Applied Sciences gab, habe ich meist International Business- und Marketing-Kurse belegt, um mir möglichst viel davon an der FHWS anrechnen zu lassen, was dann auch geklappt hat. Die Dozierenden spricht man hier übrigens mit dem Vornamen an, ganz ohne Titel oder andere Zugaben, was ich persönlich eine gute Idee finde, der Respekt leidet darunter ja auch nicht. Da man in Finnland oft statt großen Klausuren am Ende viele kleinere Assignments während des Semesters schreiben muss, hat man schon früh regelmäßig Abgaben zu erledigen und man ist oft beschäftigt. Wenn man da dann mal einen Trip mit anderen Erasmus-Studierenden machen will, sollte man den zeitlich gut legen, sodass man danach keinen Stress hat. Wenn man dafür ein Auto braucht, sollte man dieses auch frühzeitig buchen, da die Autos für 20€ pro Tag für Studierende ziemlich günstig und schnell ausgebucht sind.

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…und

GANZ VIELE TRIPS!

Wir haben das auf jeden Fall gemacht und sind dann Anfang Februar zu zwanzigst auf unseren ersten Trip in den Koli-Nationalpark in Ostfinnland gefahren. Der Park war märchenhaft mit Schnee bedeckt und immer wieder eröffneten sich wunderschöne Ausblicke über die endlosen verschneiten finnischen Wälder. Außerdem hatten wir dort eine echte finnische Holzsauna, in der man selbst mit Holz den Ofen anschüren musste. Als wir von diesem Wochenende aber zurückkamen, war plötzlich Corona in unserem Wohnheim ausgebrochen. Im Laufe der nächsten Woche gab es allein dort 55 positive Fälle und wir mussten alle erst einmal in Quarantäne, was gar nicht so schlecht war, um die ganzen Abgaben in dieser Zeit fertig zu stellen. Ich war aber natürlich auch froh, als die ganze Sache wieder vorbei war.

Trips und Ausflüge sind wirklich das Salz in der Suppe des Auslandssemesters. Einige Wochen später in der einzigen Ferienwoche des Semesters ging es dann nach Lappland, in den kalten Norden Finnlands. Zu fünft hatten wir dort oben direkt am nördlichen Polarkreis ein Apartment gebucht und erlebten die coolsten Dinge. Wir fuhren Rentier-, Huskyschlitten und Schneemobil und trafen Santa Claus. Der hat dort nämlich ein eigenes Dorf, natürlich nur für die Tourist*innen. Das Highlight waren jedoch die Polarlichter. Die zeigen sich pro Nacht meistens nur ungefähr eine Stunde am wolkenlosen Himmel und sind unglaublich beeindruckend. Allein wegen diesem Anblick hatte sich das Auslandssemester schon gelohnt!
Anschließend besuchten wir noch den Oulanka-Nationalpark im Nordosten. Auch der war sehr schön und bot ein tolles Zusammenspiel aus Stromschnellen, die durch schnee- und eisbedeckte Wälder zischten.

Da man aufgrund von Corona leider nicht St. Petersburg oder Tallinn besuchen durfte, war Helsinki die einzige Großstadt in der Nähe, die man anschauen konnte. Kurz nach dem Lappland-Trip tat ich das dann auch. Die beeindruckend großen alten Häuser und die weiten Straßen machten Helsinki wirklich zu einer der schönsten Städte, in denen ich jemals war. Die schönen Kirchen, allen voran der weiße Dom, trugen ebenfalls dazu bei. Mit dem Schiff fuhr ich dann auch über die Bucht zur Felsenfestung, die auf einer Insel vor der Stadt thront und mit ihren Bunkern, Befestigungsanlagen und Kanonen auch ein toller Anblick ist. Ich war zwei Tage in Helsinki, was meiner Meinung nach ausreichend war, um die Stadt zu besichtigen.

STUDIENSTRESS

Natürlich hatte ich bei all den Trips das Studium ganz leicht vernachlässigt, weshalb ich dann Mitte März etwas Stress hatte. Zudem studierte ich dank der Online-Lehre parallel auch noch in Deutschland, wo ich die Module belegte, die ich nicht mit ähnlichen Kursen in Finnland absolvieren konnte. Die nächsten eineinhalb Monate studierte ich nun also in zwei Hochschulen, was ziemlich anstrengend war und weniger Zeit für Erlebnisse oder Unternehmungen ließ. Dabei war es wirklich schön, den See direkt vor der Haustür zu haben, um immer bei einem kleinen Spaziergang eine Pause vom Unistress zu haben.
Ende April kam dann die Klausurenphase. Wirkliche Klausuren musste ich zwar nur zwei schreiben, jedoch musste ich in vielen Fächern noch Abschlussarbeiten abgeben. Besonders neben dem deutschen Studium war das eine stressige Zeit und ich war froh, als sie vorbei war. Jedoch war dann leider auch beinahe mein Auslandssemester schon vorbei und ich hatte noch zwei Wochen Zeit für einen letzten Trip und um mich von allen zu verabschieden.

Text: Jonas Bilder: private Aufnahmen

Letzter Trip und Abschied

ES WIRD WÄRMER

Nach meiner letzten Abgabe Ende April war es mittlerweile Frühling geworden in Lappeenranta. Der Schnee war beinahe komplett weggeschmolzen und auch der See war nun vollständig frei von Eis. Ein Bad darin fühlte sich aber noch immer an, wie eine Badewanne voller Eiswürfel. Man konnte auch endlich wieder Fußball auf dem Kunstrasenplatz eines zehn Minuten entfernten anderen Wohnheims, der im Winter zur Eisbahn umfunktioniert worden war, spielen und jeden Sonntag trafen sich alle, die interessiert waren und spielten den ganzen Nachmittag. Auch Fahrräder konnte man sich jetzt ausleihen und war so viel flexibler und nicht mehr so abhängig vom Bus. Wir fuhren oft in die Stadt und zum Hafen, der jetzt ohne Eis und Schnee noch idyllischer da lag als vorher. Jedoch verwechselte ich bei einer Bergabfahrt die Vorderrad- mit der Hinterradbremse und flog in hohem Bogen über den Lenker. Ich holte mir zum Glück nur ein aufgeschrammtes Knie, meine Jacke, Hose und Handschuhe hatte sich für mich jedoch geopfert.

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Der letzte

TRIP

Bereits vor einigen Wochen hatten wir zu viert einen letzten neuntägigen Trip geplant und das Auto hierfür gebucht. Es ging wieder in den Norden nach Oulu und von dort die gesamte Westküste Finnlands hinunter bis nach Turku. Es war ein guter Zeitpunkt, um die Küste zu sehen, da nun die Strände vom Eis befreit waren, aber auch noch nicht zu viele Menschen dort waren. Wir hatten also fast jeden Tag ein neues Apartment gebucht und fuhren immer weiter die Küste hinunter. Früher war diese Region schwedisch und wir besuchten viele alte schwedische Städte, wie Vaasa oder Pori, die noch originale Siedlungen aus dem 18. Und 19. Jahrhundert hatten. Auch die Küste sah beeindruckend aus mit ihren vielen vorgelagerten Inseln und den vereinzelten Eisschollen, die noch in den Buchten schwammen. Unsere letzte Unterkunft war dann auch die schönste. Eine kleine Hütte ohne fließendes Wasser, dafür aber mit einer echten Holzsauna und direkt an einem kleinen See gelegen. Natürlich lebten wir da zwei Abende lang noch ein letztes Mal die finnische Tradition der Sauna und kühlten uns zwischendurch immer im noch unter 10°C kalten See ab – ein Traum.

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Time to say

GOODBYE

In Turku trafen wir dann einige Freund*innen und bereits jetzt hieß es für mich „Time to say goodbye“. Die machten nämlich auch einen Trip und kamen erst zurück nach Lappeenranta, wenn ich bereits weg sein würde. Zurück in Lappeenranta hatte ich dann noch eine knappe Woche Zeit, um alles für meine Heimreise vorzubereiten. Die Apartments müssen nämlich komplett leer zurückgelassen werden, also auch ohne Matratze oder Küchenutensilien. Zum Glück bot mein Mitbewohner mir an, alles zu übernehmen, und den nächsten Austauschstudenten weiter zu vermitteln, so musste ich nur ganz viel putzen.
Dann kam schließlich die Zeit der letzten Male. Ein letzter Spaziergang durch die Stadt und den Hafen, ein letztes Bad im See und ein letztes Mal das All-you-can-eat Sushi-Buffet im Einkaufszentrum „Isokristiina“, das ich übrigens sehr empfehlen kann. Meine Abschiedsfeier im Mallorca-Style hatte übrigens bereits vor dem Trip stattgefunden, da viele meiner Freund*innen nun wie gesagt auch unterwegs waren.
Am frühen Morgen des 13. Mai musste ich dann zu Fuß die vier Kilometer zum Bahnhof laufen, da so früh kein Bus fuhr. Ich musste auch nur so früh starten, da ich am Flughafen in Helsinki noch einen Corona-Test machen musste, um nach Deutschland fliegen zu dürfen. Der kostete mich dann auch nur schmale 180€.

Ein etwas teures Ende eines unglaublich schönen Auslandssemesters. Ich durfte viele tolle Menschen aus aller Welt kennenlernen, habe wunderschöne Landschaften gesehen und aufregende Dinge im hohen Norden erlebt, und habe mir nebenbei noch 29 ECTS anrechnen lassen können. Alles in allem kann ich also Finnland und insbesondere Lappeenranta mit dem wunderschönen Saima-See für ein Auslandssemester nur weiter empfehlen, ich hatte hier auf jeden Fall fünf unglaubliche Monate.

Text: Jonas Bilder & Video: private Aufnahmen

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Wie kann ich ein Auslandssemester

MIT DEM MEDIENMANAGEMENT-STUDIUM VERBINDEN

Ein Auslandssemester im MM-Studium ist eher eine Seltenheit. Selbst die, die eigentlich Lust auf eine solche Erfahrung hätten, lassen es dann doch lieber, weil ihnen der vermeintliche Organisationsaufwand zu hoch ist oder, was häufig der Fall ist, weil sich ein Auslandssemester nicht gut mit dem eher ausgefallenen Studiengang Medienmanagement vereinbaren lässt. Dabei ist ein Auslandssemester meist eines der Erlebnisse, an die man ein Leben lang gerne zurückdenkt.

Auch ich hatte große Zweifel, als ich mich für ein Semester im Ausland angemeldet habe. In welches Land will ich eigentlich? Welche Hochschulen haben ein geeignetes Kursangebot und wie viel davon kann ich mir eigentlich anrechnen lassen? Und was mache ich dann überhaupt mit den restlichen Modulen, die ich mir nicht anrechnen lassen kann? All diese Fragen stellte ich mir und die ganze Corona-Situation machte die Entscheidung natürlich nicht gerade leichter. In dieser Unsicherheit half mir besonders Prof. Dr. Hillebrecht, der schon Erfahrung mit Auslandssemestern im MM-Studium hat und mir mit Zuspruch und Informationen die Entscheidung erleichterte. Doch wie habe ich eigentlich mein Auslandssemester mit dem MM-Studium vereinbart?

MEIN AUSLANDSSEMESTER

im MM-Studium

Zwar hätte Corona mich fast dazu gebracht, mein Auslandssemester nicht durchzuziehen, am Ende hat es mir aber sehr geholfen alles unter einen Hut zu bekommen.

Da ich meinen Auslandsaufenthalt nämlich im 4. Semester geplant hatte, habe ich zunächst erst mal nach Partnerhochschulen der FHWS geschaut, die mir vom Land zusagen und auch eine gewisse Anzahl an Kursen anbieten, die ich mir gut anstelle von Modulen des 4. Semesters an der FHWS oder für AWPFs und FWPFs anrechnen lassen könnte. AWPFs und FWPFs bieten sich hier gut an, da viele Fächer an der Partnerhochschule dafür infrage kommen und der Kurs nicht direkt mit dem an der FHWS übereinstimmen muss, für den man sich die Credit Points anrechnen lassen will. Ich habe mich dann für Hochschule Lissabon, die auch viele Medienkurse anbietet und die Hochschule Lappeenranta in Finnland, die viele kaufmännische und Marketing-Kurse anbietet, was gut zu den Modulen des 4. Semesters an der FHWS passt.

Ich wurde für Lappeenranta akzeptiert, woraufhin es Zeit für das Learning Agreement wurde. Darin wird mit der Prüfungskommission abgestimmt, welche Kurse man sich im Ausland für welche Kurse an der FHWS anrechnen lassen will. Medienmanagement-Studierende müssen sich dabei direkt an den Vorsitzenden Prof. Dr. Besenbeck wenden, der in dieser Sache so gut es geht seine Hilfe anbietet. Auf der Website von FHWS International gibt es das Template und eine Anleitung zur Erstellung des Learning Agreements. Wichtig ist hierbei, Links zum Kursangebot der Partnerhochschule dazu zu packen, um Prof. Dr. Besenbeck die Möglichkeit zu geben, nachzuprüfen, ob die im Learning Agreement angegebenen Kurse ausreichend mit denen an der FHWS übereinstimmen, um dafür angerechnet werden zu können.

Hier könnt ihr sehen, wie mein Learning Agreement aussah. Ich habe in Finnland insgesamt 29 ECTS bekommen (zusätzlich zu den Kursen im Bild habe ich noch einen Kurs aus Interesse belegt) und konnte mir von den Kursen im Bild 23 ECTS an der FHWS anrechnen lassen, darunter beide AWPFs und FWPFs. Genauere Angaben zu den Kursen, an deren Stelle ich die finnischen Kurse angerechnet bekommen habe, darf ich leider nicht machen, da sich die Prüfungskommission die komplette Neutralität und Objektivität bei der Beurteilung von Learning Agreements vorbehalten will. Erfahrungsgemäß lässt dich sagen, dass bei Medienmanagement-Kursen die Toleranz für die Kurse im Ausland, die an der FHWS angerechnet werden können, etwas höher ist als bei anderen Studiengängen, einfach weil es generell weniger geeignete Kurse gibt.

Als dann die Sache mit dem Learning Agreement geklärt war, stieß ich auf das nächste Problem. Das Sommersemester in Finnland beginnt bereits Anfang Januar und endet Ende Mai, also müsste ich in Finnland schon studieren, wenn in Deutschland noch das Wintersemester läuft, könnte aber auch nicht das Sommersemester in Deutschland mit studieren, da dieses bereits im März beginnt, wenn ich noch in Finnland studiere. Also könnte ich eigentlich nicht an der Prüfungsphase des 3. Semesters teilnehmen und müsste die Kurse des 4. Semesters, die ich mir nicht durch Kurse in Finnland anrechnen lassen könnte, im 6. oder in einem 8. Semester absolvieren. Bei diesem Problem spielte mir dann jedoch Corona in die Karten. Dank der Pandemie und der Online-Lehre wurde nämlich im Januar nur eine Prüfung in Präsenz abgehalten, der Rest waren Hausarbeiten, die ich dann in Finnland fertig machen konnte. So verpasste ich nur eine Klausur, die ich Ende des Sommers dann nachholen konnte. Ebenfalls dank der Online-Lehre konnte ich ab Beginn des Sommersemesters an der FHWS parallel in Finnland und Deutschland studieren, um am Ende kein 8. Semester dranhängen zu müssen. Das war zwar besonders in der Klausurenphase in Finnland etwas stressig, jedoch musste ich ja in Deutschland auch nicht alle Kurse des 4. Semesters belegen, da ich, wie erwähnt, durch die Anrechnung finnischer Kurse einige bereits absolviert hatte.

Nun war da lediglich noch das Problem, dass im 4. Semester das Projekt B stattfindet. Hier sollen die Studierenden in Projektteams einen konkreten Arbeitsauftrag für einen internen oder externen Projektpartner erstellen, was für mich, der gerade in Finnland war eigentlich schwer bis unmöglich war. Jedoch waren auch hier die Lehrenden bereit, mit mir eine Lösung zu finden, um auch MM-Studierenden das Auslandssemester möglichst ohne Hindernisse zu ermöglichen. Prof. Förster, der das Modul leitet, René Anderl und ich beschlossen dann, dass ich mein Projekt alleine und mit der Fachschaft als Projektpartner mache. Hierbei konzeptioniere und erstelle ich Inhalte zum Thema Auslandssemester im MM-Studium für den Teil MM Abroad der MM-Website, wozu auch dieser Text gehört.

Im Rahmen meines Auslandssemesters waren also viele Dozierende sehr hilfsbereit und offen, Sonderregelungen geltend zu machen, um mir den Auslandsaufenthalt im MM-Studium so gut und einfach wie möglich zu machen. Ich bin mir sicher, diesen Zuspruch und diese Hilfsbereitschaft wird auch jede oder jeder weitere MM-Studierende, die oder der interessiert an einem Auslandssemester ist, bekommen. Auch hier hält der Studiengang – wie sonst auch – zusammen. Natürlich spielte mir die Online-Lehre durch die Pandemie bei der Organisation in die Karten, da ich dadurch trotz Auslandsaufenthalt alle Module des 4. Semesters absolvieren konnte. Die Online-Lehre wird jedoch hoffentlich bald wieder durch Präsenz-Lehre ersetzt. Wie sollte man dann organisatorisch vorgehen, um ein Auslandssemester möglichst gut mit dem MM-Studium zu vereinbaren?

Auslandssemester im

3. ODER IM 4.SEMESTER?

Generell hat beides Vor- und Nachteile. Um das Auslandssemester im 3. Semester zu machen, müsste man aber bereits im 1. Semester mit den Vorbereitungen beginnen, jedoch wissen da die meisten noch nicht einmal, ob sie überhaupt ins Ausland wollen. Das 3. Semester ist jedoch das Wintersemester und stimmt in Deutschland zeitlich mit so gut wie allen Ländern Europas überein, während das Sommersemester in vielen dieser Länder versetzt vom deutschen Sommersemester stattfindet, wie ihr am Beispiel Finnland gesehen habt, wo das Sommersemester von Anfang Januar bis Ende Mai geht. Das kann dann in der Präsenzlehre zu Schwierigkeiten führen, wenn ihr den Prüfungszeitraum Ende Januar verpasst, weil ihr ins Ausland geht. Informiert euch jedoch auf jeden Fall individuell, zu welchen Zeiten im Land eures Interesses das Auslandssemester stattfindet, sodass ihr diesbezüglich keine Schwierigkeiten bekommt. Außerdem gibt es im 3. Semester das Modul AV-Produktion 1, in dem man normalerweise praktische Arbeiten, also Videos oder Kurzfilme als Prüfungsleistung einreichen muss. Dieses Modul im Ausland zu erledigen könnte schwierig werden, jedoch lassen die Dozierenden vielleicht auch hier – wie beim Projekt B – mit sich reden, und man findet eine Lösung. Wie bereits erwähnt stellt das Projekt B für Studierende, die im 4. Semester ins Ausland wollen kein Hindernis dar. Die Dozierenden sind hier gerne bereit, eine gemeinsame Lösung zu findet, um den Studierenden den Auslandsaufenthalt zu ermöglichen.

LEARNING AGREEMENT

Prinzipiell gibt es natürlich immer zwei Möglichkeiten bei den Überlegungen für die Kurswahl im Auslandssemester.

Entweder wählt man die Kurse im Ausland so, dass man alle Credit Points, die man sonst in diesem Semester in Deutschland gesammelt hätte, im Ausland sammelt, und so quasi lediglich stellvertretend für die Kurse in Deutschland ähnliche Kurse im Ausland absolviert, und sich so die Credit Points anrechnen lassen kann. So verliert man kein Semester und kann sein Studium ganz normal in der Regelstudienzeit von 7 Semestern beenden. Dieser Plan kann jedoch schwierig werden, da man dann an eine Hochschule im Ausland gehen muss, die Kurse, die möglichst ähnliche zu denen des MM-Studiums an der FHWS in diesem Semester sind, anbietet. Beispiele für solche Hochschulen sind die Fachhochschule St. Pölten in Österreich oder die Hogeschool PXL in Hasselt, Belgien. Im Zweifel könnt ihr auch einfach das Kursangebot der Partnerhochschulen über deren Website nachprüfen.

Die andere Möglichkeit ist, dass man nicht darauf achtet, möglichst alle Kurse des deutschen Semesters im Ausland zu absolvieren, sondern auch Kurse wählt, die einen mehr interessieren, und schließlich die Kurse, die man nicht stellvertretend im Ausland absolvieren konnte, in einem 8. Semester in Deutschland erledigt. Diese Möglichkeit verlängert zwar die Studienzeit um ein Semester, jedoch baut sie nicht so viel Druck für das Auslandssemester auf, alle Kurse zwingend bestehen zu müssen und eröffnet eine größere Auswahl von möglichen ausländischen Partnerhochschulen für das Semester, da man nicht darauf achten muss, dass die Partnerhochschule möglichst ähnliche Kurse zum MM-Studium an der FHWS aufweist. Hier bieten sich Kurse an, die man sich dann anstelle der AWPFs oder FWPFs an der FHWS anrechnen lassen kann. So habe auch ich es in meinem Learning Agreement gemacht (siehe oben).

VORRÜCKESCHWELLEN

im MM-Studium

Wer jetzt noch zögert, ein Auslandssemester zu machen, dem kann ich nur sagen: Do it! Die Erlebnisse und Erfahrungen sind den Organisationsaufwand und auch ein etwaiges 8. Semester an der FHWS auf jeden Fall wert. Dieses Semester wird euch euer Leben lang begleiten.

Wichtig im Vorfeld eines Auslandssemesters ist auch, die Vorrückeschwellen des MM-Studiums an der FHWS zu berücksichtigen. Da liegt die Vorrückeschwelle für das 4. Semester für Studierende, die im Ausland waren bei 66 Credit Points aus den ersten drei Semestern. Die Schwelle für das 5. Semester liegt bei 95 Credit Points aus den ersten vier Semestern oder bei 90 Credit Points aus den ersten vier und 5 Credit Points, die dann während des Praxissemesters beispielsweise im Rahmen eines AWPFs gesammelt werden. Außerdem muss zum Vorrücken ins 6. Semester die erstmalige Prüfungsteilnahme an allen Modulen des 3. Und 4. Semesters inklusiver der AWPFs erfolgt sein.

Auch wenn das jetzt erst mal nach ziemlich viel organisatorischem Aufwand aussieht, ist es doch viel weniger als man glaubt. Für jeden Organisationsschritt hat man außerdem genug Zeit. Ich empfehle jedoch jedem, an der Informationsveranstaltung des Hochschulservice Internationales zum Auslandssemester teilzunehmen. Da gibt’s viele zusätzliche Informationen und einen Plan, was wann wie von wem organisiert und erledigt werden muss, um erfolgreich ein Auslandssemester zu organisieren. Wer möglichst wenig Organisationsaufwand haben möchte, sollte hier übrigens ein Erasmus-Auslandssemester an einer der Partnerhochschulen der FHWS wählen.

Text: Jonas Bilder: private Aufnahmen

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